HASAN UND SULTAN MAHMOUD
Hasan war ein Junge aus einer armen Familie. Sein Vater war gestorben und seine Mutter hatte seine sechs jüngeren Geschwister zu versorgen. So ging der Junge jeden Tag zum nahegelegen See, um durch Fischen für seine Mutter und Geschwister den Lebensunterhalt zu verdienen. Er war ein kluger und fleißiger Junge, doch wenn er am See saß, und das fröhliche Lachen der spielenden Kinder hörte,
bedauerte er manchmal, daß er keine Gelegenheit hatte, an ihrem Spiel teilzunehmen.
Tagtäglich ging er zum Ufer, warf sein Netz aus und wartete, in Gedanken versunken, daß ihm möglich viele Fische ins Netz gingen. "Wenn ich heute viele Fische fange, brauche ich morgen nicht zu arbeiten", dachte er bei sich.
Doch seine Ausbeute war immer gering und reichte nicht für zwei Tage.
Eines Tages geschah es, daß der Sultan dieses Landes mit seinem Gefolge an diesem See vorbeitritt. Weil es eine besonders schöne Gegend war, legten sie eine Rast ein. Doch bald wurde es dem Sultan langweilig,
und es bestieg sein Pferd, um die nähere Umgebung zu erkunden.
Hier tummelten sich Kinder fröhlich im Sand, Fischerboote kamen mit ihrem Fang vom offenen Meer zurück, andere breiteten sich vor, aufs Meer hinauszufahren. In der Ferne sah man Bauern auf ihrem Feld arbeiten, usw.; kurz gesagt: die Menschen waren mit ihren täglichen Arbeiten zugange. Der Sultan schaute sich alles an, als sein Blick plötzlich auf den kleinen Jungen fiel, der an einer abgelegenen Stelle saß und völlig konzentriert auf seine Arbeit zu sein schien. Er ritt etwas näher heran und beobachtete Hasan eine Zeitlang.
Dann ging er auf ihn zu: "He, du da! Was macht Du so hier alleine?"
Der Junge blickte erstaunt hoch und sah einen fein gekleideten Mann mit einem außergewöhnlichen schönen Pferd. "Ich fische", antwortete Hasan. "Das ist meine tägliche Arbeit. Ich habe keine Zeit zum Spielen wie die anderen Kinder." Seine Worte klangen traurig und um ihn zu trösten, sagte der Sultan: "Ach, man kann auch allein sehr gut spielen.
Man braucht nicht die anderen dazu."
"Aber ich muß für acht Personen den Lebensunterhalt verdienen. Mein Vater ist beim Fischen ums Leben gekommen und meine Geschwister sind alle noch so klein,
daß meine Mutter sich den ganzen Tag um sie kümmern muß." erklärte Hasan.
"Ich verstehe! Wieviele Fische fängst du denn am Tag?" wollte der Sultan wissen.
"Das ist unterschiedlich. Einen Tag sind es mehr, am anderen Tag weniger.
Aber wir wollen niemanden zur Last fallen oder betteln."
"Bravo! Ausgezeichnet! Du bist ein wirklicher Mann!"
sagte der Sultan und überlegte zugleich, wie er dem armen Kerl helfen könnte.
"Bist Du bereit, ein Geschäft mit mir zu machen?" fragte er. Ich werde Dir heute beim Fischen helfen, und die Fische, die wir fangen, werden wir dann wie richtige Partner teilen." Der Junge freute sich über die Abwechslung und willigte gerne ein. "Aber nur unter der Bedinung, daß wir unseren Fang wirklich gerecht aufteilen. Nicht, daß Ihr am Ende einen größeren Anteil für Euch selbst beansprucht!" "Einverstanden!" sagte der Sultan:
"Zwei Drittel gehören Dir und ein Drittel gehören mir."
"Nein! So geht das nicht!" warf Hasan ein. "Spenden und Gaben, die umsonst sind, haben meist einen Haken. Ich nehme von niemandem grundlos etwas an. Eine Hälfte gehört Euch, und die andere Hälfte mir und Gott ist auch großzügig." Der Sultan war von dem Stolz und dem Gerechtigkeitssinn Hasan beeindruckt und willigte ein. "Die Fische, die jetzt in Deinem Netz sind, gehören aber Dir, denn Du allein hast die gefangen.
Wir ziehen deshalb das Netz ein und werfen es dann von neuem aus."
Doch im Netz war kein einziger Fisch. "Hier gibt es offenbar nur wenig Fische. Wir müssen eine Stelle suchen, wo das Wasser etwas tiefer ist, damit unsere Ausbeute größer wird." erklärte der Sultan. Sie suchten eine geeignete Stelle, warfen das Netz aus und unterhielten sich. Die Zeit verging schnell und als sie das Netz eingezogen, war es voller Fische. "Bei Gott! Hundert! Tausende! Unheimlich viel! Bis jetzt habe ich niemals so viele Fische gefangen!" rief der Junge. "Immer waren es zwei oder vier oder auch überhaupt keine im Netz.
Ich glaube, ihr habt viel Glück!" sagte er zu Sultan Mahmud.
"Nein, nein" entgegnete dieser. "Das hat überhaupt nichts mit Glück zu tun. Wir haben nur eine Stelle gefunden,
wo es mehr Fische gibt. Aber nun wollen wir teilen."
Hasan begann, die Fische in zwei Hälften zu teilen, doch der Sultan unterbrach ihn: "Nein so geht das nicht" Wenn wir schon Partner sind, müssen wir auch genau sein. Das Netz gehört Dir und den Platz hattest auch Du ausgewählte. Also gehören heute alle Fische Dir und was wir morgen erarbeiten,
gehört dann mir. Oder bist du damit nicht einverstanden?"
Hasan überlegte ein wenig, und erklärte: "Ja, das ist in Ordnung, aber wenigstens zwei, drei Fische solltet Ihr für Euch selbst nehmen." "Nein, wir machen es genau so, wie wir vereinbart haben" entgegnete der Sultan.
Sie verabschiedeten sich und machten sich auf dem Heimweg.
Am darauffolgenden Morgen wartete Hasan an der gleichen Stelle,
doch statt des Sultans kam ein anderer Reiter und erklärte Hasan, er solle mit ihm mitkommen.
Zunächst war Hasan unsicher, doch er dachte bei sich: "Ich habe nichts, was man mir wegnehmen könnte und der Sultan war gestern kein schlechter Partner für mich." Er raffte sein Netz zusammen und ließ sich zum Sultan bringen. Hasan ging davon aus, daß sie wieder Fischen würden, doch der Sultan sprach: "Gestern waren wir Partner und heute sind wir es auch. Gestern habe ich Dir bei Deiner Arbeit geholfen und heute wirst Du mir helfen." "Aber nein!" rief Hasan, Ihr habt mir gestern Glück gebracht,
doch ich fürchte, daß ich Euch kein Glück bringen werde."
"Auf das Glück kommt es nicht an", sagte der Sultan. "Wenn ich wie Du mit einem kleinen Netz Fische fangen müßte, käme auch nicht mehr dabei 'raus. Aber die Menschen, ihr Tun und Denken unterscheiden sich voneinander. Schau Dir z.B. den schwarzen Mann da vorne an: vor zehn Jahren war er ein Gefangener und heute ist er ein Kommandeur in der Armee. Der Mensch geht entsprechend seinen Fähigkeiten, seinem Verstand und seinen Anstrengungen auf seinem Weg voran. Aber auf jeden Fall haben wir ein Vertrag,
und heute haben wir andere Dinge zu erledigen, als zu fischen."
"Gut, und was muß ich tun?" fragte Hasan. "Setz' Dich und nimm an unsere Versammlung teil. Alle Probleme, die an uns herangetragen werden, müssen wir beraten und eine Lösung dafür finden.
" "Schön! Heute geschieht nichts ohne meine Erlaubnis", freute sich Hasan.
Die Minister und Berater des Sultans mußten bei diesen Worten lachen und einer warnte sogar:
"Dieser Junge nimmt die Angelegenheit sehr ernst!"
"Er wird keine Unannehmlichkeiten verursachen", sprach der Sultan. "Und ich selbst nehme das gegebene Versprechen ernster als er." Es gab viel zu tun. Der Sultan wollte eine große Moschee bauen und er hatte bereits ein geeignetes Gelände dafür gekauft. Doch in einer Ecke hatte eine alte Frau ihr Häuschen und sie wollte es für kein Geld dieser Welt verkaufen.
Die Frau war zum Sultan gekommen und die Angelegenheiten mußte entschieden werden.
"Wenn die Moschee gebaut werden soll, um damit eine gute Tat zu vollbringen, darf man die alte Frau zum Verkauf zwingen. Entweder muß man die Moschee an einem anderen Platz errichten, oder aber die Frau an dieser Moschee beteiligen, indem man einen Teil nach ihr benennt." schlug Hasan vor. "Wenn die alte Frau damit einverstanden ist, gibt es keinen Einwand" erklärte der Sultan. Die Frau war sehr zufrieden mit dieser Lösung und Hasan freute sich,
daß er seinem Partner hatte helfen können.
Plötzlich kam die Nachricht, daß ein Befehlshaber des Sultans rebellierte. "Was sollen wir tun?" fragte der Sultan. "Bei Gott, ich weiß es nicht" entgegnete Hasan. "Ihr habt eine gute Arbeit, aber man bekommt viel Kopfschmerzen davon.
Aber meiner Meinung nach ist es besser, Frieden zu schließen."
Der Sultan sagte: "Das ist sehr schwierig. Frieden ist eine gute Sache, wenn beide Seiten vernünftig und nicht habgierig sind. Wenn aber einer alles haben will, kann man keinen Frieden schließen. Du wärst auch nicht einverstanden gewesen, wenn ich gestern alle Fische für mich genommen hätte, oder?" "Nein, natürlich nicht" sagte Hasan.
"aber ist es nicht besser, ihr überlaßt dem Mann das Gebiet und habt damit Eure Ruhe?"
"Das geht auch nicht" sagte der Sultan. "Ich habe ihn zum Befehlshaber ernannt, aber trotzdem will er angreifen. Wenn er siegreich ist, wird sein Habgier noch größer werden. Und wenn wir heute seinen Forderungen nachgehen, kommt morgen der nächste und will auch einen Teil und übermorgen noch einer usw.- und wenn wir
alles weggegeben haben ist unsere Macht verloren. Und was ist Sultan Mahmud dann noch?"
Hasan stöhnte: "Oh, diese Sache ist wirklich kompliziert! Mein Verstand reicht dazu nicht aus. Anscheinend ist es besser, wenn wir den Befehlshaber einsperren." Doch auch damit war der Sultan nicht einverstanden:
"Nein, nein. Mann soll nichts übereilen.
Schau wenn er allein wäre, wäre er wohl nicht auf die Idee gekommen, anzugreifen. Er muß also auch Soldaten haben, die ihm helfen. Diejenigen, die ihm helfen, wollen aber das Gebiet nicht, sondern sie haben einen anderen Grund, warum sie diesem Mann folgen. Wir müssen also zuerst herausfinden, welche besondere Fertigkeiten er hat, daß die anderen ihm folgen. Kann er gut reden? Oder ist er gerecht? Oder ist er sehr freundlich? Oder täuscht er die anderen nur? Wir müssen das herausfinden. Dann werden wir ihn verhaften. Wenn er sich ergibt und Reue zeigt, werden wir ihm vergeben und wenn er kämpfen will, müssen wir ihn besiegen. Das alles braucht Überlegung,
Wissen, Mittel und die Unterstützung der Leute. Wo sollen wir also anfangen?"
Hasan sprach: "Ihr habt recht! Die Vergebung hat ebenso ihren Platz wie die Macht. Aber das ist alles schwer. Ich habe in solchen Dingen keine Erfahrung, und wenn ich allein wäre, wüßte ich wirklich nicht, was ich tun sollte. Es ist gut, daß ich Euch als Partner habe!" Der Sultan gab die nötigen Anweisungen und sie erledigten dann gemeinsam die restlichen Arbeiten des Tages. Als es dämmerte, sprach Hasan: "Mein Zeit ist nun um. Nie arbeite ich länger als bis zum Sonnenuntergang, und meine Mutter und meine Geschwister warten bestimmt schon auf mich." "Gut Partner" sprach der Sultan. "Aber unsere Arbeiten unterscheiden sich doch sehr voneinender. Heute haben wir viel mehr gearbeitet als gestern und deshalb kannst Du,
soviel Du willst aus der Schatzkammer nehmen."
"Ich will nichts" sagte Hasan, "denn es war vereinbart, daß ein Tag Euch gehört und ein Tag mir. Ihr habt gestern nicht einmal zwei Fische für Euch genommen,
deshalb werde ich heute auch nichts annehmen."
"Nein" widersprach der Sultan. "Du mußt sehen, daß wir gestern nur zwei Stunden, heute aber den ganzen Tag gearbeitet haben. Deshalb ist das nicht gerecht. Du mußt dafür, daß Du mehr gearbeitet hast, etwas bekommen." Hasan überlegte ein wenig und erklärte: "Wenn das so ist, dann sage ich einfach,
die zusätzliche Arbeit ist soviel wert wie ein Netz voller Fische."
Es wurden ihm viele Fische bereitgestellt und er freute sich: "Für morgen habe ich meine Fische schon, aber wenn ihr übermorgen wieder mein Partner sein wollt, kommt einfach an die gleiche Stelle" sagte er zum Sultan. "Wir werden sehen, wieviel Arbeit wir haben. Aber wenn Du willst, kannst Du jeden Tag hierher kommen und bei meiner Arbeit Partner sein" schlug er Hasan vor. "Nein, ich liebe das Meer, und meine Arbeit ist das Fischen. Aber dank eurer Hilfe weiß ich nun, wo ich mehr Fische fangen kann." Sultan Mahmud kümmerte sich weiter um Hasan und dessen Familie, und weil er den Stolz des kleinen Jungen kannte,
ließ er ihnen seine Hilfe immer auf Umwegen zukommen.
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