Der Feind in den Kleidern des Freundes
Vor langer Zeit lebten in einem Land Juden und Christen, die miteinander verfeindet waren. Die Juden waren in der Mehrzahl und das Land hatte einen ungerechten tyrannischen Regenten, der ebenfalls Jude war. Er wollte sich als ein besonders eifriger und hartnäckiger Gläubiger zeigen und sah es als seine Pflicht an, die Christen zu drangsalieren und zu unterdrücken. Täglich lieb er einige von ihnen gefangen nehmen und ließ sie schlagen, weil sie seiner Meinung nach ohne Glauben waren. Insgeheim überlegte er immer, wie er die Christen entweder
aus seinem Herrschaftsgebiet vertreiben oder zu Juden machen könnte.
Dieser Statthalter hatte einen Minister, der sehr listig und den Christen gegenüber ebenfalls sehr bösartig gesinnt war. Auch er meinte, alle Menschen müssten Juden sein.
Eines Tages sagte dieser Mann zum Regenten:
"So wie ihr gegen die Christen vorgeht, hat das wenig Nutzen. Die Menschen lernen dabei nur, ihren Glauben zu verheimlichen. Und außerdem werden sich die Menschen durch die Unterdrückung vom jüdischen Glauben abwenden und sich dann mehr dem christlichen Glauben zuwenden, weil die Menschen sich immer mit den Unterdrückten Menschen verbunden fühlen. Aber sie hassen die Unterdrücker. Wenn wir wollen, dass die Christen verschwinden, müssen wir uns einen geschickteren Plan zurechtlegen.
Durch eine List müssen wir sie besiegen!"
Der Regent fragte: "Und wie stellst du dir das vor?"
"Ich habe eine gute Idee", antwortete er. "Ich werde selbst das Gift für die Christen auslegen und bin auch selbst zum Opfer bereit. Aber es gibt eine Bedingung: Ihr müsst euch genau so verhalten, wie ich es euch sage."
Der Regent erklärte sich einverstanden: "Hauptsache ist, dass ich mächtiger werde als alle anderen und dass allein mein Gesetz gilt.
Deshalb werde ich alles tun, was du sagst. Also erkläre mir deinen Plan."
"Ihr sollt in den nächsten Tagen den Befehl geben, dass man mich verhaftet und öffentlich auspeitscht. Dann lasst ihr im Land das Gerücht verbreiten, dass ich die Religion meines Vaters und meiner Mutter verlassen habe und Christ geworden sei und deshalb bestraft werden müsse. Schließlich lasst ihr mich aus dem Land vertreiben. Dann werde ich in das Land der Christen gehen und dort Zuflucht suchen. Ich werden ihnen mein Leid klagen, dass man in dieser Zeit seinen Glauben nicht ausüben darf. Wenn es mir gelingt, dass die Christen mir vertrauen, werde ich den Rest der Arbeit erledigen. Ich werde in ihrer Mitte eine Verschwörung anzetteln. Sie werden sich bekämpfen und dadurch schwach werden.
Wenn ich das erreicht habe, werde ich flüchten."
"Das ist wirklich ein guter Gedanke!" stimmte ihm der Herrscher zu. "Wenn es dir gelingt, den Baum mit der Wurzel auszureißen, werden auch die Äste und Blätter zerstört! Wenn das Land der Christen unter Auseinandersetzungen und Kämpfen schwach wird, werden auch die Christen in unserem Land untereinander uneinig und zerstritten werden. Das wird dann unser Vorteil sind.
Aber wie willst du das alles allein bewerkstelligen?"
"Ach", sagte der Minister: "Zerstören ist immer einfacher als aufbauen. Ich gehe zu den Christen und fache das Feuer der Feindschaft an.
Den Rest werden sie dann schon selbst erledigen."
"Sehr gut! Um so besser! Der Gott von Moses möge dich dafür belohnen!"
entgegnete ihm der machthungrige Herrscher.
Am nächsten Tag geschah alles, wie es die beiden Intriganten abgesprochen hatten: der Minister wurde verhaftet, ausgepeitscht und mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt.
Sein Schicksal war in aller Munde.
So kam er ins Land der Christen, die Mitleid für ihn empfanden und ihn gut behandelten. Der scheinheilige Minister redete nur schlecht über seinen Herrscher.
Er behauptete, er sei schon seit vielen Jahren Christ gewesen und habe seinen Glauben bisher immer verstecken können. Aber schließlich sei die Wahrheit doch ans Licht gekommen. Die Christen wussten natürlich auch, dass er der Minister des tyrannischen jüdischen Herrschers gewesen war. Trotzdem waren sie von ihm beeindruckt: "Dieser arme Mensch ist wegen seines Glaubens dem Tode nahe gewesen. Nun ist es unsere Pflicht, dass wir ihn mit allen Ehren in unsere Mitte aufnehmen und ihm besondere Anerkennung zuteil werden lassen."
Der schlaue Minister hatte sich sehr gut vorbereitet: er hatte viele Bücher gelesen über die Religion der Christen und wusste über alles genau Bescheid. Er sammelte die Leute um sich und erzählte ihnen von ihrer Religion. Jeden Tag wuchs die Zahl seiner Zuhörer an, und bald war im ganzen Land die Rede von seinen vortrefflichen Predigten.
So war er nach kurzer Zeit schon der bekannteste Prediger im ganzen Land.
Bald wurde er von den christlichen Gelehrten zu ihrem Führer gewählt und alle richteten sich nach seinem Befehl und erkannten seine Urteile an. So erhielt er eines Tages den Beinamen "Statthalter von Jesus". Man erzählte sich, dass sein Gesicht vom Licht des Glaubens strahlen würde, und dass seine Zunge nur Worte der Gerechtigkeit verlauten ließe, man glaubte auch, dass er mit den Engeln in Verbindung stehe und jeden Abend in den Himmel aufsteige. Solche Dinge erzählten sich die Menschen über den betrügerischen Juden,
der sie alle mit seinen schönen Worten getäuscht hatte.
Zu dieser Zeit waren die Christen in zwölf Gruppen unterteilt. Jede Gruppe hatte ihren eigenen Führer, dessen Urteile sie anerkannten. Auch diese zwölf waren dem "Statthalter von Isa" treu ergeben. Der betrügerische Jude hatte also die Grundlage für seine List geschaffen. Nun gab er heimlich einem Steinmetz den Auftrag, zwölf Tafeln aus Stein anzufertigen, in die er jeweils zwölf unterschiedliche Anweisungen für das Leben einmeißeln ließ.
Keine Anweisung stimmte also mit der anderen überein, sondern alle widersprachen sich. So war auf einer Tafel geschrieben: Es ist der Befehl Gottes, dass die Menschen ein enthaltsames Leben führen. Sie sollen sieh von der Welt zurückziehen und Tag und Nacht nur Gott dienen.
Sie sollen nicht an weltliche Dinge denken, sondern nur ans Jenseits.
Auf der zweiten Tafel stand: Gott braucht die Gebete und die Verehrung der Menschen nicht. Die Menschen sollen das Leben genießen und sieh daran erfreuen, denn alles, was es auf der Welt gibt, hat Gott für die Menschen geschaffen.
Im Jenseits wird Gott den Menschen die Sünden vergeben.
Auf dem dritten Stein war zu lesen: Wenn dir jemand eine Ohrfeige gegeben hat, musst du ihm auch die andere Seite deines Gesichts hinhalten, dass er dich auch darauf schlägt. Am Tag der Auferstehung wird Gott die Taten der Menschen prüfen. Diejenigen, die Schiechtes getan haben. wird Gott dann ins Höllenfeuer schicken. Wer Gewalt ausübt, tut etwas Schlechtes und wird von Gott dafür bestraft werden.
Wer aber Gewalt erträgt, wird von Gott belohnt werden.
Die vierte Tafel enthielt folgende Anweisung: Die Menschen haben Verstand und deshalb müssen sie sieh selbst die Gesetze für ihr Leben machen. Sie können nach ihren Wünschen handeln und Gott hat mit den Angelegenheiten der Menschen nichts zu tun. Die Menschen. die die anderen unterwerfen können, sind glücklich.
Jeder Mensch muss sieh sein Gesetz selbst erkämpfen.
Kurz gesagt: auf allen zwölf Tafeln hatte er ganz widersprüchliche Anweisungen schreiben lassen. Nach und nach empfing er die zwölf Führer des Landes und
gab jedem von ihm eine der Tafeln und sprach:
"Damit die Anweisungen von Gott ganz genau verwirklicht werden, habe ich sie in diesen Stein hauen lassen. So kann niemand sie ändern. Weil du besser und bedeutender als die anderen Führer bist, vertraue ich dir diese Tafel an.
Bewahre sie gut und lasse nicht zu, dass jemand auch nur einen Blick darauf wirft!"
Jeder der zwölf hielt sich nun für wichtiger als die anderen - aber keiner von ihnen wusste, dass es zwölf solcher Tafeln gab! Jeder von ihnen bemühte sich, die Anweisungen, die auf seiner Tafel standen, in die Tat umzusetzen. So dauerte es nicht lange,
bis es zwischen den verschiedenen Gruppen zu Auseinandersetzungen kam.
Jeder fühlte sich selbst im Recht und sah die anderen als Sünder an. Aus der Zwietracht wurde mit I der Zeit richtige Feindschaft. Die zwölf Führer wandten sich in ihrer Not an den "Statthalter von Isa". Sie klagten ihm die Zerwürfnisse, doch er verstand es, sie immer zu beruhigen: "Ach, die Angelegenheiten der Menschen kennt nur Gott. Jeder muss so handeln, wie das Gesetz Gottes es vorschreibt. Aber leider gibt es Menschen, die den Weg Gottes verlassen und sie machen Fehler. Doch nach und nach werden die Menschen mit
Verstand mehr werden und alles wird in Ordnung kommen."
Von Tag zu Tag wurde die Zwietracht offensichtlicher. Nun war es für den betrügerischen Juden an der Zeit, den letzten Punkt in seinem Plan in Angriff zu nehmen. Am Ende seiner Predigt verkündete er: "Ich habe die Anweisung erhalten, mit niemandem mehr zu sprechen und es darf mich niemand mehr sehen.
Wer ein Problem hat, muss sich an seinen jeweiligen Führer wenden."
Nochmals ließ er die zwölf Führer zu sich rufen und sagte zu jedem unter vier Augen. "Ich muss in den Himmel gehen. Damit aber die göttlichen Befehle auch weiterhin in die Tat umgesetzt werden, müssen wir eine Person zu meinem Stellvertreter machen - und das sollst du sein. Geh' und führe die Menschen nach den Anweisungen, die auf der Tafel stehen. Auch die anderen Führer müssen sich nach deinen Befehlen richten. Wer sich dem widersetzt, ist ein Irregehender, und du musst ihn wieder zum richtigen Glauben bringen. Gelingt dir das im Frieden, ist es gut. Wenn nicht, musst du ihn bekämpfen.
Ich gehe heute Abend in den Himmel und mein Geist wird deine Taten beobachten!"
Am Abend schlich er sich heimlich davon und kehrte in sein Land und zu seinem Herrscher zurück. Voller Stolz erklärte er ihm: "Ich habe die Saat gelegt, die schon sehr bald Früchte tragen wird. Du brauchst niemanden zu unterdrücken und damit den Ruf der jüdischen Herrschaft zu schädigen!
Die Christen werden sich selbst bekämpfen und Feindschaft und Spaltung wird sie vernichten."
Und genau so geschah es: jeder der zwölf christlichen Führer fühlte sich als der oberste Führer an. Niemand erkannte an, was der andere sagte und es gab nur noch Streitigkeiten. Jeder fühlte sich selbst im Recht und die anderen im Unrecht.
Ruhe und Frieden waren aus der Gemeinschaft der Christen verschwunden.
So verhielt es sich, bis ein Christ, der seinen Glauben geheimgehalten hatte und im Palast des jüdischen Herrschers Dienst tat, hinter das Geheimnis kam. Erwar Zeuge eines Gespräches zwischen dem Minister und dem Herrscher geworden, in dem sich die beiden über den Erfolg ihres Komplotts freuten. Er teilte sein Wissen dem Regenten des christlichen Landes mit. Dieser versammelte die zwölf Führer um sich und sprach: "Gott ist einer und auch die Anweisungen Gottes müssen eins sein. Ihr aber seid unterschiedlicher
Meinung und deshalb müsst ihr nun eure Gründe und eure Beweise vorlegen."
Jeder der Führer behauptete nun, eine Steintafel zu haben, auf der die Gesetze standen und dass niemand diese Tafel sehen dürfe. Der Regent sagte: "Alles was geheim ist, führt irre. Zeigt eure Tafeln und lasst die anderen darüber nachdenken und vergleichen. Die Menschen haben Verstand und sie kennen die Wahrheit. Wir müssen diese Steintafeln vergleichen. Wenn die Anweisungen auf allen Tafeln gleich sind, müssen wir herausfinden, warum ihr euch bekämpft. Keiner der Propheten Gottes hatte ein Buch oder Regeln oder Anweisungen, die geheim waren. Nur die schlechten Dinge müssen unter allen Umständen verborgen bleiben.
Doch alles Gute braucht die Öffentlichkeit überhaupt nicht zu fürchten!"
Die zwölf Tafeln wurden also herbeigebracht und miteinander verglichen. Nun erkannten die zwölf Führer den Betrug, auf den sie hereingefallen waren und schalten sich für ihre Dummheit.
Denn sie waren sich darüber einig, daß das Gesetz Gottes für alle Menschen gleich sein muss.
Der jüdische Regent und sein Minister hatten das Nachsehen. Sie wurden durch gerechte Menschen ersetzt. Der neue jüdische König und der König der Christen wollten sich nicht bekämpfen, sondern den Menschen Frieden und Aufrichtigkeit schenken.
Gemeinsam schrieben sie einen Erlas, den sie in jeder Stadt aufhängen ließen:
Jesus seinen Glauben und Moses seinen Glauben.
Niemand hat das Recht, anderen Menschen seinen Glauben
mit Gewalt aufzuzwingen. Die Religion ist für den
Frieden, nicht für die Tyrannei. Die Religion will aufbauen
und nicht zerstören. Jeder, der im Namen des Religion
zerstört und Zwietracht sät, ist vor Gott ein Sünder.
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