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   Sat.04.02.2012    
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  Herr Ali und Ali der Bettler

Nach einer Erzählung von Scheich Attar

Im ersten Teil der Geschichte haben wir erfahren, wie aus dem Jungen Ali, der einmal bei einem Schmied in die Lehre ging und von allen "Herr Ali" genannt wurde, ein Bettier geworden war. Auf seiner Wanderschaft kam er eines Tages auch zu der Stadt Nischapur, wo es ihm mit dem Betteln sehr schwer gemacht wurde. Nun erfahren wir, wie es "Ali dem Bettler" in Nischapur erging.

Als Ali der Bettler zu einer Bäckerei kam, streckte er bittend seine Hand aus und sprach: "Gott vergelte es dir, wenn du mir Armen ein Stück Brot gibst."

Der Bäcker antwortete ihm: "Gott vergelte es auch dir! Aber offensichtlich bist du ein Fremder und weißt nicht, dass in dieser Stadt das Betteln verboten ist."

Ali fragte: "Was heißt verboten? Was soll denn jemand tun, der hungrig ist?"

"Wenn jemand kein Brot hat, um seinen Hunger zu stillen, muss er sich an das "Essenshaus" wenden", gab ihm der Mann zur Antwort.

Ali der Bettler ging zu diesem Haus und bat um ein Essen. Als die Leute dort sich vergewissert hatten, dass er kein Brot bei sich hatte, sagten sie zu ihm: "Mit dem Geld, das du hast, kauf' Dir Brot. Und dann geh' zum Arbeitshaus, dass sie dir Arbeit geben und du Geld verdienst. Wir geben hier nur denen zu essen, die das Geld für eine Mahlzeit nicht haben."

Daraufhin wollte Ali der Bettler wissen: "Aber wenn jemand krank ist, und nicht arbeiten kann?"

"Dann muss er zum Krankenhaus gehen, damit er geheilt wird. Und wenn er nicht geheilt werden kann, schicken sie ihn zum städtischen Sanatorium", lautete die Antwort.

Ali der Bettler fühlte steh in einer hoffnungslosen Lage. "Ach was, das sind nur Sprüche! Ich werde einfach weiter betteln", sagte er zu sich selbst. Aber was er auch versuchte - er bekam von niemandem etwas.

Auf einmal sah er in der Gasse einen anderen Bettler und freute sich. Er ging zu ihm und fragte: "Bruder, wie bettelst du in dieser Stadt? Ich bekomme von diesen Leuten keinen einzigen Pfennig zu sehen!"

Der Mann sagte: "Die Leute sind zu denjenigen wohltätig, die arbeiten. Wenn jemand einem Bettler einfach so etwas gibt, wird er vom Richter zu einer Geldstrafe verurteilt, denn in dieser Stadt ist Betteln verboten."

"Warum bettelst du dann?" fragte Ali der Bettier.

"Aber ich bettle doch gar nicht!" sagte er. "Ich arbeite für das Kontrollamt. Ich wechsle täglich meine Kleidung und gehe durch die Straßen= und wenn mir jemand ein Almosen gibt, bringe ich ihn aufgrund unseres Gesetzes zum Gericht. Dann wird er als Unterstützer von Bettelei verurteilt."

Ali sagte zu ihm: "Weich' blöde Stadt! Wenn die Leute eine gute Tat vollbringen und jemandem Almosen geben wollen, was sollen sie dann tun? Sind denn Barmherzigkeit und Menschlichkeit eine Sünde?"

Der andere entgegnete: "Nein! Barmherzigkeit und Menschlichkeit sind sehr gut. Aber jeder, der eine gute Tat vollbringen möchte, wirft sein Geld in den Kasten des Armenhauses. Dieses Geld wird gesammelt und im Mittagessenhaus und Sanatorium für die Schwachen und Kranken ausgegeben. Die gesunden Menschen müssen arbeiten. In jedem Stadtviertel gibt es eine Abteilung des Arbeitshauses, die die Arbeit der Stadt unter den Arbeitslosen verteilt."

Ali der Bettier bemerkte. "Vielen Dank! Dann gibt es angesichts eines solchen Systems in dieser Stadt also keine andere Möglichkeit, als zu arbeiten. Mit Bettelei ist offensichtlich kein kostenloses Essen zu bekommen."

Der Bettler ging ein Stück und dachte nach. Am nächsten Tag nahm er einen Eimer in die Hand und sagte zu sich selbst: "Ich gehe durch die Straßen und mit diesem Eimer in der Hand wird mich niemand für einen Bettler halten. Wenn jemand mich dann bittet, Wasser für ihn zu holen, sage ich einfach 'mein Bein tut mir weh' und ich tue so, als sei ich behindert. Schließlich haben die Menschen auch Erbarmen und die Frauen sind in dieser Hinsicht auch besser als die Männer. So wird es schon in Ordnung kommen."

Der Bettler ging in die kleinen Gassen die voller Menschen waren und rief: "Wasser, ich hole frisches Wasser, ich bringe den Müll weg, ich klopfe den Teppich aus, ich hole frisches Wasser, ... ' Als er am Ende der Straße angelangt war, rief er. "Ach, ihr Frau- en, habt Erbarmen ..."

Plötzlich kam jemand aus dem Haus gelaufen und sagte: "He, du da! Was ist los, dass du die Leute böse machst?! Dein Geschrei ist eine Störung und wenn der Beauftragte vom Markthaus dich sieht, wird er dich vor's Gericht bringen. Ich bin ein guter Mensch und habe nichts mit dir und deiner Arbeit zu tun: aber sei vorsichtig und schreie in der Straße nicht um Hilfe und Unterstützung! Die Menschen in ihren Häusern möchten ihre Ruhe haben."

Ali sagte: "Ach, guter Mann, sage mir was ich tun soll. Ich bin fremd und weiß nicht, was ich in dieser Stadt tun muss. Da Wasser holen verboten ist, darf man denn etwas verkaufen?"

Der Hausbesitzer berichtete ihm: "Ja, der Kauf und Verkauf von allem, womit man den Menschen keinen Schaden zufügt, ist erlaubt. Aber in Nischapur ist das Schreien und Hausieren verboten. Wenn du also etwas verkaufen willst, musst du dich irgendwohin setzen und ohne zu schreien verkaufen. Genauso wie die Menschen Ohren haben, haben sie auch Augen. Und wenn jemand etwas kaufen möchte, kommt er und kauft. Wenn er nichts kaufen möchte, musst du ihn und seine Ohren doch in Ruhe lassen."

Ali der Bettler erwiderte: "Gern, aber noch eine Frage: wer holt in dieser Stadt das Wasser vom Brunnen?"

Der Mann gab ihm Auskunft: "Brunnenwasser wird von einer städtischen Abteilung geschickt; genauso wie sie den Müll sammeln; auch das Teppichklopfen hat einen Laden und auch für das Kaufen von Kleidung gibt es einen speziellen Platz. Das Schreien und Hausieren In den Straßen ist längst überholt."

Ali der Bettler wollte noch wissen: "Gut, aber was machen sie mit dem trockenen Brot? Werfen sie es etwa in den Müll?"

Der Mann sagte: "Nein, sie werfen es nicht zum Abfall. Hier hat alles seinen Wert! Das trockene Brot wird gesammelt und einmal In der Woche kommt jemand vom Hühnerhof und kauft es. Das Geld kommt dann In die Kasse des Armenhauses. Am Anfang jeder Straße gibt es einen Kasten für das Armenhaus, ähnlich einem Briefkasten."

Ali der Bettler meinte: "Sehr gut, aber wenn jemand wie Ich fremd ist und kein Brot hat und die Miete für das Haus der Reisenden auch nicht hat: was soll er dann tun?"

Der Mann erklärte ihm: "Am ersten Tag geht er zum Essenhaus; die erste Nacht schläft er im städtischen Fremdenheim und am nächsten Tag arbeitet er und hat Geld. Kurz gesagt: In dieser Stadt ist kein Platz für Bettelei! Der Grund dafür ist auch der, dass die Leute keine Bettler schaffen wollen."

Der Bettler Ali überlegtes "Ich habe verstanden! Sie haben wirklich an alles gedacht: Mittagessenhaus, Krankenhaus, Hühnerhof, Sanatorium, Markthaus, Arbeitshaus, Fremdenhaus, Gerichtshaus, ... Wenn die Leute keine Bettler schaffen wollen und den Bettlern Erziehung geben, ist die Arbeit erledigt. Es waren schließlich auch Menschen, die mich zum Bettler gemacht haben. Ich war kein Bettler, sondern Schmiedelehrling und mein Name war "Herr Ali" gewesen und nicht "Ali der Bettler". Die Leute haben mich dafür, dass sie eine gute Tat vollbringen, zum Bettler gemacht. Gott verachte sie!"

Ali der Bettler hatte nichts mehr zu essen. Am nächsten Morgen wandte er sich an das städtische Krankenhaus und sagte: "Ich bin krank und arm." Er war noch immer nicht bereit, zu arbeiten. Sie untersuchten ihn und sagten: "Du bist doch nicht krank! Und wenn du arm bist, dann musst du dich ans Arbeitshaus wenden."

Es war nichts zu machen! Er ging also zum Arbeitshaus und bat um Arbeit. Sie gaben ihm einen Besen, einen Rechen und zwei Eimer und sagten: "Geh' und fege die Blumenstraße. mache den Staub in den einen Eimer und den Abfall in den anderen. Wenn du fertig bist, komm' zurück und hole dir deinen Lohn ab."

Der Bettler Ali ging und machte diese Arbeit und erhielt seinen Lohn dafür. Und so genoss er schließlich nach einigen Jahren der Bettelei wieder das Arbeiten. Auch freute er sich, dass er von den Menschen wieder geschätzt wurde. Am nächsten Tag schickte ihn das Arbeitshaus zum Wasserholen für die Häuser 11 und 17 In der Gartenstraße; zwei Tage später schickten sie ihn, die Wand des Mausoleums von Scheich Attar zu reinigen.

Am Abend sagte er zu seinem Kameraden Im Haus der Reisenden: "Heute habe Ich die Wand des Grabmals eines Heiligen gewaschen."

Dieser erklärte ihm. "Das war nicht das Grabmal eines Heiligen, sondern das von Scheich Attar, den die Leute als Derwisch und Einsiedler kennen. Dabei hat er mehr gearbeitet als andere und bei ihm haben Hunderte von kranken Menschen Heilung gefunden."

Ali der Bettler sagte: "Auf jeden Fall habe ich heute an diesem Ort mir selbst versprochen, dass ich niemals mehr betteln werde und ich will auch nicht mehr "Ali der Bettler" genannt werden, sondern ich will, dass die Leute mich wieder "Herr Ali" nennen!"

Schließlich Herr Ali mit diesen täglich wechselnden Arbeiten nicht mehr zufrieden und er wollte mehr Achtung gewinnen. Deshalb sagte er eines Tages zum Direktor des Arbeitshauses: "Ich kann schmieden."

"Das ist viel besser", antwortete dieser und schickte ihn zu einer Schmiede. Dort fertigte er Hufeisen an und wurde wieder ein angesehener Arbeiter.

In der Schmiede gab es auch einen jungen Lehrling, der immer mit einem Krug zum Wasserholen geschickt wurde. Herr Ali bat ihn immer: "Lieber Freund, pass gut auf, dass der Krug nicht zerbricht. Aber wenn er auch zer- bricht, sei nicht traurig! Komm' schnell zu- rück und wir kaufen einen neuen. Verweile nicht da, sondern sammle schnell die Scherben zusammen, wirf sie In den Abfalleimer und fliehe von diesem Ort..."

Seine Mitarbeiter wunderten sich: "Herr Ali, du gibst so genaue Anweisungen für den Fall, dass der Krug zerbrechen sollte."

Herr Ali sagte: "Ich weiß etwas, was mir einen zerbrochenen Krug als etwas Schlechtes in Erinnerung bringt."

Einige Zeit arbeitete Herr Ali In der Werkstat und seine Kollegen nannten ihn inzwischen "Meister Ali". Eines Tages schickte man ihn mit einigen anderen Arbeitern in die Stadt Sabzawar, um die Pferde des dortigen Stadthalters neu zu beschlagen.

In Sabzawar sah ihn jemand in seiner Arbeitskleidung und nahm an, er sei ein Bettler. Er zog eine Münze aus seiner Tasche und hielt sie Meister Ali hin. Dieser entrüstete sich: "Was ist das?"

Der gute Mensch sagte: "Das ist Geld. Bist du denn kein Bettler?"

Meister Ali sagte: Du bist selbst ein Bettier! Es ist einige Zeit her, dass Ich Bettier war. Ich bin Arbeiter und lebe mit Ehre und Würde. Willst du nun wieder einen Bettler aus mir machen? Es ist wirklich schade, dass wir nicht in Nischapur sind, sonst hätte ich dich jetzt vor's Gericht gebracht, dass du zu einer Geldstrafe verurteilt wirst!" ' Der gute Mensch fragte verwundert: "Warum denn eine Geldstrafe?" Meister Ali lehrte ihn: "Weil die Menschen in Nischapur keine Bettler schaffen wollen. Und weil sie keine Bettier haben wollen, haben sie alle Möglichkeiten geschaffen, dass der Statthalter von Nischapur Bettelei mit Leichtigkeit kurieren kann.