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Wer ist der Schuldige?
Wenn jemand etwas tut, das
unlogisch und unvernünftig ist, vergleicht man ihn in Syrien mit Qarra Qusch.
Qarra Qusch war ein ungerechter Tyrann, der die Leute mit seinen ungerechten
Urteilen drangsalierte und unterdrückte. Die Menschen in Syrien haben sehr
viele Geschichten von diesem Tyrannen überliefert, und eine davon wollen wir
nun erzählen. Ihr werdet selbst erkennen wie wichtig es ist, daß ein Herscher
wissend und klug ist, damit die Menschen kein Unrecht durch ihn erleiden.
In der Nacht, als alles in
Dunkelheit versunken war, kontrollierten die Wachleute die Gassen und Straßen
in Damaskus. In einer schmalen und abgelegenen Gasse hielt sich ein Dieb
versteckt. Regungslos an eine Wand gekauert wartete er den Kontrollgang der Wächter
ab. Dann wollte er in aller Ruhe mit seiner schändlichen "Arbeit"
beginnen.
Als der müde Wachmann zu
der Gasse kam, ging er bis etwa zur Mitte, sah sich mit schläfrigen Augen um
und rief mit lauter Stimme: "Alles ist unter Kontrolle, und ihr könnt
beruhigt schlafen." Nachdem der Wachmann sich entfernt hatte, atmete der
Dieb einmal tief durch und kletterte
Bild 6 dann über die
Gartenmauer eines Hauses. Er schlich sich zu einem Fenster, packte seine
Utensilien aus und versuchte den Fensterrahmen mit Hammer und Meißel zu lokkern.
Nach und nach lösten sich Steine aus dem Gemäuer. Der entstehende Staub drang
dem Dieb in Nase und Augen. Er konnte kaum noch etwas sehen, und als er mit
seiner Eisenstange mit voller Wucht gegen das Gemäuer schlug, brach plötzlich
die ganze Mauer ein.
Die Mauerbrocken waren auf
den Dieb gefallen und hatten sein Bein schwer verletzt. Schleunigst verschwand
er in der Dunkelheit der Nacht.
Doch der Dieb war auch
sehr frech, und so machte er sich am nächsten Morgen auf den Weg zum Herrscher
Qarra Qusch. "Ich bin ein Dieb" sagte er, und erzählte dem Herrscher
dann, was sich in der Nacht zuvor ereinet hatte. "Und nun habe ich diese
Klage gegen den Besitzer dieses Hauses vorzubringen." endete er schließlich.
Qarra Qusch wies einen seiner Wächter an, den Hauseigentümer zu ihm zu bringen
. Als dieser kam , warf ihm der Herscher vor : "Du solltest die Mauer
Deines Hauses und das Fenster stabil bauen , damit dieser Dieb sich nicht
verletzt!"
Der Hausbesitzer wußte
nicht wie ihm geschah und sagte erstaunt : "Das ist ja kaum zu glauben !
Heutzutage erdreisten sich Diebe sogar , ihre Opfer zu verklagen , und der
Herscher verteildigt sie auch noch ! Wenn Ihr ein gerechter Herscher seid , dann
müßt Ihr mir doch zugestehen , daß die Schuld nicht bei mir liegt . Der
Schreiner trägt die Schuld , denn er hat kein stabiles Fenster gebaut, obwohl
ich ihn gut bezahlt habe. Hätte er ein stabiles Fenster gebaut, wäre dies
alles nicht geschen."
Der Herrscher wurde wütend
und befahl, den Schreiner unverzüglich zu ihm zu bringen. Als der Schreiner vor
ihm stand, sagte Qarra Qusch: "Der Besitzer dieses Hauses behauptet, daß
Du ihm für sein Geld keine gute Arbeit geleistet hast. Und das hat schließlich
dazu geführt, daß der Dieb verletzt wurde."
Der Schreiner wurde blaß.
Der Vorwurf des Herrschers hatte ihm einen gehörigen Schrecken eingejagt. Er mußte
schleunigst eine gute Ausrede finden, um sich selbst vor Schaden zu bewahren. Er
überlegte einen kurzen Augenblick und sagte dann: "Das ist doch nicht
meine Schuld! Einer Eurer Soldaten, der in Euren Diensten steht, trägt die
Verantwortung dafür. Denn an dem Tag, als ich das Fenster eingebaut habe und
gerade die Nägel einschlagen wollte, kam dieser Soldat mit einer riesigen roten
Fahne vorbei. Der Anblick war so verwunderlich, daß ich von der Arbeit
abgelenkt wurde."
Der ungerechte und törichte
Herrscher überlegte nicht lange und ließ den Soldaten rufen. Dieser hörte
sich ruhig die Worte des Herrschers an, und weil er es mit der Angst zu tun
bekam, suchte er schnell einen Weg, wie er sich aus dieser Zwangslage befreien
konnte. "Aber ich bin doch nicht verantwortlich für die rote Farbe. Den Färber,
der das Tuch gefärbt hat, den müßt ihr befragen!" sagte er zum
Herrscher.
Der Richter ließ den Färber
rufen. Wütend schrie er den verängstigten Mann an: "Du bist schuldig!
Weist Du nicht, was Du getan hast? Warum hast Du diesen Stoff mit rot gefärbt
und damit den Schreiner von seiner Arbeit abgelenkt? Aus diesem Grund hat er
kein stabiles Fenster gebaut und deshalb wurde des Bein des Diebes gebrochen.
Was hast Du zu Deiner Verteidigung vorzubringen?"
Der Färber war ein
einfacher Mensch und sprach: "Aber Euer Wesir hat mir doch den Auftrag
gegeben. Und er wies mich an, das Tuch so rot zu färben, daß es richtig auffällt.
Fragt Euren Wesir, der kann bestätigen, was ich gesagt habe."
"Holt den Wesir"
schrie Qarra Qusch. "Ich will nun endlich den Schuldigen finden. Er soll
eine harte Strafe bekommen, die er niemals in seinem Leben vergessen wird. 30
Jahre soll er ins Gefängnis gehen!"
Der
Wesir hörte sich ebenfalls die Beschuldigungen des Herrschers an "Also,
warum hast Du dem Färber diesen unsinnigen Auftrag gegeben?" wollte Qarra
Qusch schließlich wissen. "Ihr wißt doch, daß ich nie etwas anderes tue,
als auf Euren Befehl hin zu handeln" sprach der Wesir. "Aber gewiß
doch, das wäre ja noch schöner, wenn jemand außer mir Befehle gäbe"
antwortete Qarra Qusch. "Nun, dann habt Ihr endlich den wahren Schuldigen
gefunden!" erklärte der Wesir.
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