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   Tue.07.09.2010    
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  Der Verlierer in der Fremde

Voller Abenteuerlust flog der Verlierer immer weiter und weiter. Erst als er einen hohen Berg erreicht hatte, machte er eine Pause. Die Gegend gefiel ihm sehr gut, und weil es langsam Abend wurde entschloss er sich, die Nacht dort zu verbringen. Er sprach zu sich selbst: "Wie schön ist es hier! Man hat eine wunderbare Aussicht, und nie zuvor habe ich den Himmel in dieser Schönheit gesehen."

Doch der Verlierer hatte sich kaum von der Reise erholt, als es plötzlich zu tröpfeln anfing. Wind kam auf, und ein Gewittersturm brach los. Der Platz auf dem Ast, den sich der Verlierer ausgesucht hatte, erwies sich als sehr ungünstig. Doch es war dunkel und er konnte nichts entdecken, wo er sich besser hätte schlitzen können. So blieb ihm nichts anderes übrig, als die Nacht in der Kälte und Nässe zu verbringen. "Vielleicht war es doch ein Fehler, nicht auf die Worte des Sängers zu hören", dachte er bei sich. Doch dann tröstete er sich wieder und dachte: "Aber es wird ja nicht immer regnen. Morgen wird wahrscheinlich schon wieder die Sonne scheinen. Mann soll nicht gleich verzweifeln und schwach werden. Auf diese Weise werde ich mein Ziel nie erreichen. Mann soll geduldig und standhaft sein!"

Am Morgen, als die Sonne aufgegangen war und mit ihren wärmenden Strahlen das Gefieder des Verlierers trocknete, vergaß dieser schnell die Unannehmlichkeiten der letzten Nacht. Neugierig blickte er sich um. Die meisten anderen Vögel hatte er noch nie gesehen, und er konnte ihre Sprache nicht verstehen. Er fühlte sich fremd und ausgeschlossen und irgendwie war ihm selbst die Freude am Singen vergangen. Er spielte mit dem Gedanken vielleicht doch in die Heimat und zu seinen Freunden zurückzukehren. Doch seine Abenteuerlust siegte.

Der Verlierer in Gefahr

Er setzte seine Reise fort. In Gedanken versunken flog er dahin. Da! Was war das? Er bemerkte plötzlich einen Schatten über sich. Der Verlierer schaute nach oben und bemerkte einen Falken! Er erkannte die Gefahr sogleich, und sein Herz schlug immer schneller. Er hatte sich noch nicht von den Anstrengungen der vergangenen Nacht erholt, und nun war sein Leben in Gefahr! Wieder dachte er an die Warnungen seines Freundes. "Wenn ich Jetzt mit heiler Haut davonkomme, werde ich meine Reise nicht weiter fortsetzen, sondern in meine Heimat und zu meinen Freunden zurückkehren" sagte er zu sich selbst. Er wartete Jeden Augenblick auf den Angriff seines Feindes. Doch voller Entsetzen musste er feststellen, dass der Falke nicht sein einziger Feind war. Ein Adler war offenbar auch unterwegs, um seinen Hunger zu stillen. Vor Angst und Verzweiflung wusste er nicht mehr, was er tun sollte. Währenddessen kreisten der Falke und der Adler über ihm. Der Verlierer betete. Er war davon überzeugt, dass dies sein letztes Gebet sein würde.

Doch in dem Moment, als der Adler zupacken wollte, startete auch der Falke seinen Angriff. Die beiden Raubvögel waren dadurch einen Moment abgelenkt, und der Verlierer nutzte diese Gelegenheit und ließ sich fallen. Er versteckte sich schnell unter einem Stein.

Sein Versteck war eng und unbequem. Doch aus Angst vor dem Falken und dem Adler riskierte er nicht einmal einen Blick. Den ganzen Tag verbrachte er unter dem Stein. Er hatte Hunger, doch er traute sich nicht hervor. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auch die Nacht dort zu verbringen. Diese Nacht war noch bitterer als die vorherige. Der Hunger und die Enge des Loches ließen ihn kaum schlafen. "Wenn ich nicht in die Fremde geflogen wäre, könnte ich nun satt und bequem in meinem Nest liegen!" dachte er.

Der Verlierer und das Festmahl

Am nächsten Morgen kam er, vor Kälte und Hunger zitternd, ängstlich aus seinem Loch hervor. Von seinen Feinden war nichts zu sehen, und so machte er sich schleunigst auf die Suche nach Futter. Schon nach kurzer Zeit sah er eine dicke Taube. Sie fraß gemächlich von den Körnern, die in Hülle und Fülle auf der Erde lagen. Der Verlierer zögerte keinen Moment, sondern ließ sich .inmitten der Körner nieder und begann gierig zu fressen.

Doch kaum hatte er ein paar Körner aufgepickt, merkte er, dass mit seinen Füßen etwas nicht stimmte, er war in eine Falle geraten! Unter den Körner lag ein Netz, in dem sich seine Füße bereits verfangen hatten. Er sprach die andere Taube an: "He, Bruder! Du bist doch auch eine Taube. Warum hast du mich nicht gewarnt? Du konntest mir doch zurufen, dass diese Körner mich in Gefangenschaft bringen würden! Du hast mich wie einen Gast an Deinem Fressen teilhaben lassen und deshalb hättest Du mich warnen müssen."

"Aus vier Gründen bin ich ruhig geblieben" antwortete die dicke Taube. "1. Ich sehe zwar aus wie Du, aber ich ernähre mich anders. Der Jäger gibt mir reichlich zu fressen, weil er mit meiner Hilfe andere Vögel in seine Falle locken kann. Hätte ich keinen Nutzen für den Jäger, hätte er mich längst getötet. Du warst einfach leichtsinnig.

2. Gott hat Dir zwei große Augen gegeben, und er hat Dir auch einen gesunden Instinkt geschenkt. Dein Instinkt hätte Dir sagen müssen, dass es ungewöhnlich ist, dass an diesem Ort so viele Körner gestreut sind. Ein solches Festmahl hat seinen Preis! Du musstest wissen, dass derjenige, der dieses Essen vorbereitet hat, eine Absicht damit verbunden hat.

3. Ich war allein gefangen und hatte keinen Freund. Ich wollte Dich auch gefangen sehen, damit Du die gleichen Schmerzen und Schwierigkeiten bekommst wie ich. Weißt Du denn nicht, dass diejenigen, die in die Irre gegangen sind, immer versuchen, auch die anderen in die Irre zu führen, damit diese ihnen nichts vorwerfen können?

4. Ich hatte dich nicht eingeladen, mein Gast zu sein. Du selbst hast Dich gierig darauf gestürzt. Nun bist auch Du gefangen, und das soll eine Erfahrung für Dich sein!"

Der Verlierer sagte verbittert: "Vielen Dank für Deine schlaue Antwort. Kannst Du mir vielleicht auch sagen, wie ich mich wieder befreien kann? Dann kann ich in Zukunft Deine klugen Ratschläge anwenden, lind dann werde ich Dir bis ans Ende meines Lebens dankbar sein.

"Wie dumm er ist" dachte die dicke Taube bei sich. "Wenn ich den Weg zur Flucht wüsste, hätte ich mich zuallererst gerettet! Dann sprach sie zum Verlierer: "Du erinnerst mich an das Junge Kamel, das zu seiner Mutter sagte: 'Ich bin müde. Können wir nicht eine kleine Pause einlegen?' Und die Kamelmutter hatte geantwortet: 'Wenn ich selbst die Macht hätte, zu entscheiden, würde ich mich zuerst von der Last auf meinem Rücken befreien. Siehst Du denn nicht, dass das Ende des Seils, das um unseren Hals geschlungen Ist, in den Händen des Kamelstreibers ist?' "

Der Verlierer wusste mit diesen Worten nichts anzufangen. Er dachte: "Man soll niemals verzweifeln und aufgeben. Jedes Problem hat auch eine Lösung." Er begann, mit seinem Schnabel die dünnen Fäden des Netzes zu zerreißen. Mit aller Kraft gelang es ihm schließlich, sich wieder zu befreien. Als er wieder in der Luft war, rief er der dicken Taube zu: "Siehst Du, hätte ich mich nicht angestrengt und entschlossen gehandelt, wäre ich noch immer in Gefangenschaft.
" Schnell flog er davon und genoß seine wieder gewonnene Freiheit. Doch seine Abenteuerlust war gestillt.
Er wollte so schnell wie möglich in seine Heimat und zu seinen Freunden zurückkehren.

Der Verlierer wird verletzt

Nach einiger Zeit war er müde und entschloss sich, eine kurze Rast einzulegen. Er ließ sich auf einer Mauer nieder. "Dort vorne ist ein Dorf" sprach er zu sich selbst, als er plötzlich in einiger Entfernung einen Jungen sah. Der Junge zielte mit einer Schleuder auf ihn und im nächsten Moment fühlte er bereits einen stechenden Schmerz und fiel von der Mauer in ein tiefes Loch. Als der Verlierer nach oben blickte, sah er den Jungen, der gerade versuchte, ihn aus dem Loch zu holen. Doch das Loch war zu tief, und so gab der Junge sein Vorhaben auf und lief davon.

Am nächsten Tag kehrte der Verlierer in die Heimat zurück und wurde vom Sänger und seinen anderen Freunden freudig begrüßt.

"Was hast Du erlebt?", wollte der Sänger wissen.

"Ich dachte immer, die Welt der anderen ist besser als unsere. Aber jetzt bin ich davon überzeugt, dass das Leben hier am schönsten und am bequemsten ist, wo alle eine Sprache sprechen und Freud und Leid miteinander teilen. Nach dieser langen und gefährlichen Reise weiß ich den Wert der Heimat und der Freunde zu schätzen!", antwortete er.