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   Thu.09.09.2010    
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  Das ungerechte Urteil

Ein alter, schwacher Mann kam zum Arzt und sprach: "Es geht mir schlecht, und ich fühle mich schwach." Der Arzt untersuchte ihn und fragte: "Was hast Du gestern gegessen?'* "Nichts" gab der Mann zur Antwort. "Was hast Du heute morgen gefrühstückt?" wollte der Arzt nun wissen. "Nichts" lautete wieder die Antwort. Der Arzt stellte schnell fest, dass der alte Mann einfach zu wenig aß und deshalb schwach geworden war. Er wollte ihn aber nicht einfach sich selbst überlassen und erklärte ihm deshalb: "Deine Krankheit ist nicht so schlimm. Du muss keine Medikamente nehmen und auch keine besonderen Anweisungen beachten. Damit es Dir besser geht, solltest Du ein paar Tage lang immer das tun, was Du gerne tun möchtest. Du kannst also tun und lassen was Du willst, und dann wird es Dir bald besser gehen."

"Das ist gut" sagte der alte Mann. "Aber ich habe kein Geld, um mir das zu kaufen, was ich gerne essen möchte."

Der Arzt bekam noch mehr Mitleid. Er sprach: "Ich habe heute auch noch nicht gefrühstückt. Würdest Du mir die Freude machen und mir Gesellschaft leisten?" Der alte Mann war einverstanden, und während sie etwas aßen und tranken sprach der Arzt: "Du solltest nicht an Geld denken; vielmehr solltest Du die Wünsche, die Du Dir erfüllen kannst, auch tatsächlich zu erfüllen. Du wirst sehen, dann geht es Dir schon bald viel besser."

Der alte Mann bedankte sich und beschloss, einen Spaziergang zu machen. Als er die Stadt verlassen hatte, sah er an einem Brunnen einen dicken Mann, der sich gerade erfrischte. Langsam kam er näher an diesen Mann heran, und plötzlich reizte es ihn, auf den glatten und glänzenden Nacken des Mannes zu schlagen

Er erinnerte sieh an den Rat des Arztes, hob seinen Arm, zielte und schlug so kräftig zu, dass es richtig klatschte. Der andere Mann hatte sich richtig erschrocken und es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre ins Wasser gefallen. Wütend drehte er sich um. Doch als er den dünnen alten Mann vor sich sah, dachte er: "Wenn ich ihm auch eine 'runterhaue, könnte ihn das ernsthaft verletzen, so schwach wie er ist." Währenddessen lachte der alte Mann immer lauter. "Was ist los mit Dir? Warum schlägst Du mich grundlos? Und warum lachst Du nun auch noch?", wollte der Mann wissen.

"Ich muss lachen, weil es so laut geklatscht hat, und ich frage mich, ob es an meiner Hand lag oder an Deinem Nacken." antwortete der alte Mann. "Nun reicht es mir aber! Du glaubst doch nicht etwa, dass ich mir das gefallen lasse?! Wir gehen zum Richter. Er soll entscheiden, welche Strafe Du bekommen sollst."

Dem Richter erzählte der dicke Mann, was sich zugetragen hatte. Auch der Richter hatte Mitleid mit dem halb verhungerten Alten und sprach zu dem Dicken: "Verzeihen ist in diesem Fall besser als vergelten." "Das ist ein ungerechtes Urteil" empörte sich der Dicke.

"Nein, das Urteil ist gerecht, weil dieser Mann alt und schwach ist.
" sagte der Richter. "Du sollst auf Deine Klage verzichten." Dann fragte er den Alten:" Wie viel Geld hast Du bei Dir?" "Keins" antwortete dieser. "Und wie viel Geld hast Du?" wollte der Richter von dem dicken Mann wissen. Dieser zog sechs Goldstücke aus seiner Hosentasche hervor. Der Richter sprach: "Teile Dein Geld mit ihm, damit er sich Lebensmittel kaufen kann." "Was? Erst schlägt er mich, und nun soll ich ihn auch noch bezahlen dafür? Das ist wirklich ungerecht!" Der alte Mann hatte sich inzwischen den Richter genau angesehen.
Er verspürte den Wunsch, auch diesem einen Schlag zu versetzen.
Er dachte an den Ratschlag des Arztes, hob seinen Arm und schlug mit voller Kraft zu. Dann sagte er zum Richter: " "Jetzt sollst auch Du mir drei Goldstücke geben!" Der Richter wusste nicht wie ihm geschah, und er wurde sehr böse.
Der Dicke Jedoch freute sich. Er gab dem armen Alten seine sechs Goldstücke. Der Richter aber schrie: "Was bedeutet das? Willst Du ihn etwa dafür bezahlen, dass er mich schlägt?" "Wenn eine Tat schlecht ist, dann ist sie für alle schlecht" sagte der Dicke. "Und wenn eine Tat gut ist, dann ist sie für alle gut. Leider habe ich nicht mehr Geld bei mir, denn der zweite Schlag des Mannes war sehr viel mehr wert. Dieser Schlag war die Antwort auf Dein ungerechtes Urteil, und er kam zur rechten Zeit. Er hat Dich hoffentlich gelehrt, dass Du für die anderen nicht das bestimmen sollst, was Du für Dich selbst nicht wünschst."